Mitgliedermagazin der Vereinigung Cockpit

Mit Volldampf durch die Pandemie

Wie Frachtpiloten mit maximaler Kapazität arbeiten, um der Gesellschaft zu helfen, die COVID-19-Herausforderung etwas besser zu überstehen.

03.09.2020 Flight Safety von Felix Gottwald

© Felix Gottwald

Als Flugbesatzung in Frachtflugzeugen werden wir von vielen in der Branche oft als Piloten zweiter Klasse angesehen - nicht "gut genug" für die Passagiere und ohne all den „Glamour“, der unsere Kollegen der Passagiersparte begleitet.

Doch nur wenigen Fliegerkollegen ist bekannt, dass unser Leben im Schatten recht interessant sein kann und dass unser operatives Umfeld oft weitaus anspruchsvoller ist als das des "normalen" Linienpiloten. Es ist daher fast schon amüsant, dass man unseren wahren Wert erst dann erkennt, wenn alle anderen am Boden bleiben müssen. Das Vorhandensein von just-in-time-Lieferketten bedeutet plötzlich, dass wir ohne Frachtflugzeuge - und deren Besatzungen, die während einer Pandemie flugbereit sind – plötzlich größere Probleme haben könnten, um die Versorgung der Bevölkerung und der Wirtschaft darstellen zu können.

Arbeit mit maximaler Kapazität

Für viele meiner Kollegen vermittelt dieser Umstand ein Gefühl des Stolzes und der Zuversicht. Wir freuen uns nicht nur darüber, dass unsere Arbeit gewürdigt wird, sondern wir sind auch froh, diese zu tun. Niemand beschwert sich über sehr lange Flugdienstzeiten, kurzfristige Planänderungen oder einer langen Abwesenheit von zu Hause in einem sich ständig verändernden und komplexen Umfeld, in dem Reisen fast unmöglich und definitiv mühsam geworden ist.

Da wir viele Kollegen haben, die im Ausland wohnen, war einige Zeit lang nicht klar, unter welchen Bedingungen diese zum Dienst erscheinen dürfen. Gleichzeitig war nicht immer gesichert, ob wir an unseren Zielorten wirklich einreisen können und mit welchen Einschränkungen dies verbunden sein könnte – teils erniedrigende und anstrengende Gesundheitschecks, die Quarantäne im Hotel während des Layover, die schlechte Versorgungslage vor Ort und stellenweise auch Sicherheitsbedenken haben es den Flugbesatzungen nicht einfach gemacht. In einigen Ländern änderten sich die Regelungen im Stundentakt und es war manchmal nicht wirklich vorhersagbar, was uns erwarten wird. Doch in dem Wissen, dass wir einen wichtigen Beitrag zur Versorgung der Bevölkerung und der Wirtschaft leisten, der für manche sogar lebenswichtig sein kann, haben wir all dies ohne Murren erduldet.

Frachtbetrieb - oft ohne den Glamour, der die Piloten in Hollywood-Filmen begleitet

© Felix Gottwald
© Felix Gottwald

Alle haben nur auf eine Gelegenheit gewartet, dort zu helfen, wo Hilfe benötigt wird.

Schon vor dem Beginn der COVID-19-Pandemie drohte uns bei Lufthansa Cargo der Verlust unserer Arbeitsplätze durch die Auslagerung unseres Streckennetzes und eine erhebliche Verkleinerung unserer Flotte. Langfristig wird für alle Piloten ein Thema sein, inwiefern eine reduzierte Besatzung im Reiseflug oder sogar irgendwann ein Flugzeug ohne Piloten Realität wird. Bei Herstellern und Fluggesellschaften gibt es viele Bestrebungen, uns als Piloten loszuwerden und unsere Arbeitsplätze abzubauen.

Piloten = nur ein entbehrlicher Kostenfaktor ?

Wir können nur hoffen, dass das Management die Anstrengungen, die wir auf uns nehmen, um das Unternehmen am Leben zu erhalten, anerkennt und unseren Einsatz würdigt. Die Erfahrung zeigt, dass dies nicht der Fall sein wird und dass wir am Ende der Krise, wenn alle anderen wieder Passagiere fliegen, erneut Gefahr laufen, auf die "vernachlässigte Tochtergesellschaft" eines großen multinationalen Unternehmens reduziert zu werden, in dem Piloten lediglich als entbehrlicher Kostenfaktor angesehen werden.