Mitgliedermagazin der Vereinigung Cockpit

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die aktuelle Situation an den deutschen Flughäfen lässt uns mit großer Sorge auf die Sommerreisezeit blicken. Bereits jetzt hat die sehr stark ausgedünnte Personaldecke zu einer komplett überlasteten Infrastruktur geführt, sodass hunderte Flüge nicht wie geplant abheben und somit viele Reisende ihren Urlaub oder ihre Dienstreise nicht wie geplant antreten konnten. Täglich verliert der Luftverkehr an Vertrauen in der Bevölkerung.

07/20/2022 Editorial von Stefan Herth

© Vereinigung Cockpit

Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wohin das Sparen der Unternehmen an personellen Ressourcen geführt hat. Während diese die Krise als Vorwand genutzt haben, um Personal abzubauen, hat die VC bereits im letzten Sommer davor gewarnt, dass ein schnelles Wiederhochfahren des Luftverkehrs nach der Krise nur möglich sein würde, wenn die Beschäftigten an Bord gehalten werden, und eine vorausschauende Personalpolitik angemahnt. Dennoch stehen wir jetzt vor der Situation, dass die verbliebenen Beschäftigten an der Belastungsgrenze arbeiten und der Druck zunehmend wächst. Da wirkt die Aussage von Lufthansa-CEO Carsten Spohr, man habe es "(…) mit dem Sparen an der ein oder anderen Stelle übertrieben", für viele Betroffene wie ein Schlag ins Gesicht. Dies gilt insbesondere für die tausenden mitten in der Corona-Krise arbeitslos gewordenen Beschäftigten der geschlossenen Lufthansa-Group-Flugbetriebe Germanwings, SunExpress Deutschland und Brussels Deutschland. Ein schwarzer Fleck auf den Westen der Sozialpartner!

Die Bundesregierung hat jetzt ihre Unterstützung zugesagt, um dem Luftverkehr aus dieser - diesmal selbstverschuldeten - Notlage zu helfen. Aber mit kurzfristigen Initiativen ist es nicht getan. Um die Branche für Beschäftigte wieder attraktiver zu machen, ist es unabdingbar, dem zunehmenden Verfall der Arbeitsbedingungen und -standards entgegenzuwirken und Unternehmen und Gewerkschaften gleichermaßen in die Pflicht zu nehmen, zukunftsfähige und faire Strukturen für Arbeitgeber sowie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu schaffen. Dabei dürfen Unternehmen und Arbeitnehmer erwarten, dass sich die Bundesregierung auch für fairen internationalen Wettbewerb und für vergleichbare Rahmenbedingungen in der Luftfahrtindustrie einsetzt.

Vor diesem Hintergrund ist der Einsatz ausländischer Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter zur Stabilisierung des Luftverkehrs aus unserer Sicht deutlich kritisch zu bewerten. Der Einsatz der Leiharbeitskräfte wird nicht schnell genug wirken, sondern kann erst ab Herbst Stabilisierungseffekte im System erzeugen. Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass Arbeitsbedingungen im Luftverkehr weiter großflächig auf schlechtem Niveau gehalten werden und unser Sektor damit langfristig unattraktiv für die Beschäftigten bleibt. Das kann nicht im Interesse von Unternehmen, Politik oder Arbeitnehmern liegen.   

Ganz im Gegenteil: Die Arbeits- und Vergütungsbedingungen müssen langfristig verbessert und krisensicher stabil gehalten werden, um qualifiziertes Personal zu finden und dauerhaft zu binden. Doch das geht nicht von allein, es braucht strukturelle Verbesserungen: Die Rechte von Gewerkschaften und Betriebsräten bei der Aufnahme von Verhandlungen müssen deutlich gestärkt werden!

Nicht zuletzt darf es bei kurzfristigen Initiativen keinerlei Abstriche bei der Flugsicherheit geben. Eine sichere Flugdurchführung hat für uns oberste Priorität.

Wie wichtig unsere Branche für eine Exportnation wie Deutschland ist, haben wir in den vergangenen Jahren immer wieder gesehen. Damit der Flugverkehr im kommenden Jahr wieder reibungslos funktioniert, müssen Politik und Unternehmen jetzt Maßnahmen ergreifen - wir sind offen für kreative, faire und zukunftsfähige Lösungsentwicklungen mit klarer Perspektive.

Euer 

Stefan Herth