Mitgliedermagazin der Vereinigung Cockpit

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Betriebsräte haben in Deutschland eine lange Tradition: Das erste „Betriebsrätegesetz“ feierte letztes Jahr sein 100-jähriges Jubiläum. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Recht auf Gründung eines Betriebsrates im  Betriebsverfassungsgesetz von 1952 verankert. Seit 2018 umfasst es - endlich - ausdrücklich auch das fliegende Personal: Paragraph 117 Betriebsverfassungsgesetz regelt, dass das fliegende Personal - insofern kein Tarifvertrag über eine Personalvertretung vorliegt - das Recht hat, einen Betriebsrat zu wählen.

10/12/2021 Editorial von Stefan Herth

© Vereinigung Cockpit

Eine lange Tradition hat allerdings auch der Widerstand von Unternehmen gegen Betriebsräte, der bis zu Versuchen reicht, Betriebsratsgründungen zu verhindern oder Arbeitnehmervertreter und -vertreterinnen einzuschüchtern. Dabei geht die erste Arbeitnehmervertretung in Deutschland ausgerechnet auf die Initiative eines erfolgreichen Unternehmers zurück: Carl Degenkolb gründete 1850 in Eilenburg einen Fabrik-Rat, der als Vorreiter der heutigen Betriebsräte gilt.
 
Die Sozialpartnerschaft „Made in Germany“ ist die Vorstellung einer Sozialpartnerschaft auf Augenhöhe, die in Deutschland eng mit unserer freiheitlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung sowie der sozialen Marktwirtschaft verbunden ist. Ich gehe noch einen Schritt weiter: Eine gelebte Sozialpartnerschaft ist Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche wirtschaftliche Weiterentwicklung eines Unternehmens. Sie trägt maßgeblich zum Erfolg unseres Wirtschaftssystems bei, bewegt sich aber auch im Spannungsfeld zwischen unternehmerischer Freiheit und dem Recht auf Mitbestimmung der Beschäftigten.
 
Die Pandemie hat unsere Branche nicht nur wirtschaftlich schwer getroffen, sie hat auch dieses nicht immer einfache Verhältnis auf eine zusätzliche, harte Bewährungsprobe gestellt: Manche Unternehmen entfernen sich immer weiter von der früher vielbeschworenen Sozialpartnerschaft und versuchen, die "Gunst der Stunde" zu nutzen, um sich ihrer sozialen Verantwortung zu entziehen. Durch die Gründung neuer Flugbetriebe oder die Einstellung von Piloten und Pilotinnen mit befristeten Verträgen wird versucht, Druck auf die Angestellten auszuüben und deren Mitbestimmungsrecht zu unterminieren. Das ist eine kurzsichtige und zutiefst unsoziale Strategie, mit der sich die Unternehmen letztlich selbst schaden und die wir nicht hinnehmen werden.
 
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es ausgesprochen gut funktionieren kann, wenn man das alte Blockdenken zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmern überwindet. Die alte Denkweise ist nicht zukunftsfähig. Wir müssen die Probleme gemeinsam lösen, denn wir haben alle das gleiche vitale Interesse daran, unsere Branche am Leben zu erhalten.
 
Ein faires Miteinander, von dem alle Seiten profitieren – das ist es, was wir in der VC anstreben! Mitbestimmung nutzt allen, weil damit klare Regeln gegeben sind. Sie sorgt für bessere Arbeitsbedingungen, Planbarkeit und Sicherheit. Sie kann aber auch dabei helfen, Krisen besser zu bewältigen und innovative, für alle gangbare Lösungswege zu finden.
 
Wir werden diesen Anspruch ausbauen, um eine faire Sozialpartnerschaft, von der alle im Unternehmen profitieren können, weiterzuentwickeln. 

Euer 

Stefan Herth